Eine Sache des Alters? Über Altersempfehlungen für Bücher und das Erwachsenwerden an sich.

19:43:00


An meinem 18. Geburtstag war ich mir sicher, das wäre es jetzt. Die Kindheit endgültig und offiziell vorbei, die Frage ob ich mich nun als Mädchen oder Frau bezeichnen sollte, fürs erste beantwortet. Mit 18 ist man doch erwachsen oder etwa nicht? Ich habe drei Jahre lang versucht mich an den Begriff „Frau“ zu gewöhnen. „Die Frau da hinten hat einen Hasen dabei!“. „Haben Sie zufällig ein Taschentuch?“. Noch heute muss ich mich immer davon abhalten Menschen, die mich siezen zu korrigieren. Zu meinem 21. Geburtstag wurde ich dann plötzlich von allen Seiten gefragt, wie man sich als Erwachsene denn jetzt so fühlt. Warte. War ich das nicht schon die letzten drei Jahre? Theoretisch hat es sich verdammt danach angefühlt. Alleine lebend, selbst für mich und mein Studium verantwortlich und ein Job, bei dem ich buchstäblich die Verantwortung für 20 kleine Persönlichkeiten habe, deren Eltern manchmal noch nicht einmal viel älter sind als ich. In 13 Tagen endet jetzt mein letztes Semester im Bachelor. 5 Semester, die schneller rumgingen als ein Sommergewitter. Ein erster Abschluss. Noch ein Schritt weiter zu den „Erwachsenen“. Seit gestern bin ich offiziell für den Master eingeschrieben. Masterstudenten. Die kamen mir vor 2.5 Jahren noch unheimlich erwachsen und gebildet vor, als ich mich als Erstsemestlerin ohne Plan zum hundertsten Mal auf unserem viel zu großen Campus verlaufen habe. 

 
Vor ein paar Wochen war ich mit der fünfjährigen Tochter einer Freundin unterwegs. Erst waren wir im Theater (Das Dschungelbuch) und danach noch kurz bei mir, weil ihr Vater sie dort abholen wollte. Natürlich fiel dem Kind sofort die Kinder und Bilderbuchsammlung auf, die ich für meine Bachelorarbeit angesammelt hatte. Alles Klassiker und Erinnerungen aus meiner eigenen Kindheit, die ich jetzt nicht mehr übers Herz bringe wieder zu verkaufen. „Warum hast du so viele Kinderbücher, die sind doch für Kinder!“ Ich konnte ihr darauf keine Antwort geben. Zum einen hätte sie mit dem Thema meiner Bachelorthesis (Die Darstellung des Bild des Kindes in der Kinderliteratur der 50er Jahre) ohnehin nicht viel anfangen können, zum anderen fühlte es sich viel zu sehr nach einer Ausrede an. Ich finde einfach nicht, dass Bücher oder Filme allein für eine bestimmte Altersgruppe gemacht sind. 

Am letzten Freitag war ich mit einer Freundin (die den Namen Buchbloggerin übrigens wirklich noch verdient, anders als ich momentan) in Mainz. Dort landeten wir in einer Filiale der Ladenkette „Joker“. Wer das nicht kennt: Hier werden Restposten von Büchern zu billigeren Preisen verkauft. Ich hatte ohnehin nichts zum Lesen für die relativ lange Rückfahrt dabei (von Mainz nach Frankfurt braucht die S-bahn etwa 45 Minuten) und fand eine Ausgabe von „Isla- Schwanenmädchen“ für nur einen Euro. Kristina fand eine recht günstige Ausgabe von „Endgame- die Auserwählten“. Wir standen also mit zwei Büchern an der Kasse. Der Verkäufer war recht jung. Vielleicht Mitte/Ende Zwanzig. Nachdem wir bezahlt hatten meinte er scherzhaft, dass er es echt interessant fände, dass man „so etwas immer nur bei Frauen beobachtet und selten bei Männern“. Auf unsere Nachfrage, was er denn damit meinte, druckste er etwas verlegen herum, als müsste er erst abschätzen, wie „casual“ er tatsächlich mit uns umgehen konnte. „Naja ihr seit ja nicht mehr unbedingt die Zielgruppe...“. Da standen wir also, ich Anfangzwanzig und Kristina Endezwanzig und bekamen erzählt, dass wir zu alt für die Bücher wären, die wir gerade gekauft hatten. Versteht mich nicht falsch, ich weiß wie er es gemeint hat und ich verstehe auch, wie er auf den Gedanken gekommen ist. „Isla- Schwanenmädchen“ ist praktisch fast noch ein Kinderbuch und „Endgame“ läuft offiziell unter „Jugendbuch“. Nur ist mir der Gedanken beim Durchstöbern der Regale gar nicht gekommen. Würde man danach gehen, stehen beinahe ausschließlich Bücher in meinem Regal, für die ich eigentlich zu alt bin. Trotzdem saß ich keine halbe Stunde mit Tränen in den Augen in der S-Bahn, weil das vermeintliche Kinderbuch eben doch nicht nur für Kinder geschrieben wurde. 



Das Buch handelt von einem jungen Mädchen, vielleicht 12 oder 13, deren Vater schwer Herzkrank ist und um sein Leben kämpfen muss. Genauso geht es darum, wie das Mädchen selbst mit der Situation umgeht. Sie schließt nicht nur Freundschaft mit einem an Leukämie erkrankten Jungen, sondern auch mit einem jungen Singschwan Weibchen, das an dem selben Tag seinen Schwarm verloren hat, an dem Isla lernen musste, wie krank ihr Vater wirklich ist. Das Buch ist unheimlich poetisch und emotional geschrieben und hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen und genau das sollte ein gutes Buch machen. Als „Erwachsener“ liest du Kinder- und Jugendbücher vielleicht mit einem anderen Blick, als die Zielgruppe, aber meistens auch mit dem selben Herzen. Ich habe Altersempfehlungen immer als einen Schutz nach oben verstanden. Ein Buch für Erwachsene, kann für ein Kind schwierig zu verarbeiten sein, aber ich sehe keinen Grund warum Jugendliche oder Erwachsene keine Kinderbücher lesen sollten. Letztendlich ist es doch immer eine Frage des eigenen Geschmacks und der eigenen Vorlieben. Ich lese vorwiegend Jugendbücher und fühle mich mit 21 devinitiv noch nicht zu alt dafür, gleichzeitig kann ich mit Jugendthrillern wenig anfangen, weil sie mir in diesem Genre einfach nicht extrem genug sind. Da greife ich dann eben in das Regal für Erwachsene. 

Ich denke heutzutage ist „Erwachsen zu sein“, mehr denn je nur ein Konstrukt, an das sich die Menschen nicht mehr strikt halten wollen. Du wirst zwar verantwortungsbewusster und vernünftiger, aber bis zu einem gewissen Grad hält doch jeder an den Dingen fest, die dich als Kind bewegt haben. Ich denke so wie ich gerade bin, ist das erwachsenste das ich jemals sein werde. Ich werde immer Disney Filme toll finden und Illustrationen lieben. Ich werde immer ein kleiner Nerd bleiben, der auch mit 21 noch Pokemon auf seinem DS spielt und ganz nervös wird, wenn eine seiner Lieblingssendungen als Kind nach über 20 Jahren fortgesetzt wird (Fuller House war mein Highlight im Februar!) und ich weiß das ich damit nicht alleine bin. Erst neulich habe ich mein Lieblingsbuch aus der Grundschulzeit wieder in die Hand genommen: „Ronja Räubertochter“. Als Ronja und ihr Vater sich weinend in den Armen lagen, weil sie ihre Differenzen endlich beseitigen konnten und Ronja ihren Vater fragte, ob sie denn nun wieder sein Kind sei, traf mich das genauso wie vor 13 Jahren mitten ins Herz. So sehr, dass mir eine Fremde im Bus ein Taschentuch in die Hand gedrückt hat. Es hat einen Grund warum manche Bücher oder auch Filme sich über so lange Generationen halten. Sie beeindrucken eine ganze Generationen und prägen sie genug, um von diesen Kindern ein Leben lang im Herzen getragen zu werden. Die Liebe zu manchen Büchern kann wohl einfach weiter vererbt werden und manche Themen lassen dich dein Leben lang nicht los.

 

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7 Kommentare

  1. Tolle Gedanken hast du hier niedergeschrieben :). Da hat sich ja unser Besuch beim Joker sehr geeignet für dieses Thema :).

    Liebe Grüße, Kristina

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    1. Ja dann kommt der Blog hier auch mal wieder zum atmen!

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    2. Sehr gut :), endlich bekommt dein Blog wieder frischen Wind :D.

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  2. Was für ein schöner Beitrag.
    Ich werde in nicht mal zwei Monaten 34 und ich liebe Kinder- und Jugendbücher.
    Auf unsere Kleine kann ich das nicht schieben, denn die ist erst dreieinhalb.
    Als "erwachsen" habe ich mich aber eh noch nie betrachtet. Natürlich habe ich gearbeitet, bin jetzt als Mama gern zuhause, habe Verantwortung, kümmere mich um die Rechnungen etc., aber das Wort "erwachsen" klingt für mich immer so negativ.
    Ich zeige unserer Tochter zwar wie man mit Mitmenschen umgehen sollte und bringe ihr Höflichkeitsformen bei, aber eben auch wie man in Pfützen springt, die Zunge raus streckt und einfach nur albern ist.
    Es ist so schön mit ihr wieder Kind sein zu können. Wir lesen gemeinsam Kinderbücher, wir schauen Disney Filme die wir jahrelang nicht mehr gesehen haben und erst gestern hat mein Mann ihr Knete und dazu Play Do Dr. Wackelzahn gekauft und beide hatten ihren Spaß.
    Ich bin der Meinung, dass man seine kindliche Seite niemals ganz verlieren darf.

    LG,
    Bücherfee

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    1. Das ist genau was ich meine! Ich glaube man kann gar keine gute Mutter oder eine gute Pädagogin, nicht einmal ein glücklicher Mensch sein, wenn man das Kind in sich komplett vergessen hat.

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  3. Das hat doch immer noch etwas mit Büchern zu tun. ;-) Finde ich echt gut!
    Das mit den Altersempfehlungen habe ich eigentlich auch immer so gesehen, es ist doch auch nicht anders als bei Filmen. Nur, weil ich schon über 18 bin, muss ich ja noch lange nicht FSK18-Filme sehen. Andererseits sind die garantiert nichts für Kinder. Bücher waren bei mir in der Hinsicht immer in der selben Kategorie und ich finde, solange man liest, ist es mehr oder weniger nebensächlich, was man liest. =)

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    1. Ja ich hab versucht die Kurve einbisschen zu den Büchern zurück zu bringen :D Und das mit den Filmen ist ein super Vergleich! Ich werde ständig schief dafür angeguckt, dass ich Animationsfilme liebe. Den einen Tag schau ich nen FSK 0 Film an, den nächsten einen ab 18. Ich seh da kein Problem mit.

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